Das Hauptstadtrudel
Altdeutsche Hütehunde in Berlin

Fuchs Dingo


Dingo - ein Hund nicht für Jedermann.




Dingo ist - genauso wie die anderen beiden Hunde - aus dem Tierheim. Eigentlich ein Hund, der außer durch sein nettes Äußeres gar nicht ansprechend war.
Er saß in der hintersten Ecke seines Zwingers und kläffte uns mit zurückgelegten Ohren und einem äußerst gestressten Gesichtsausdruck ununterbrochen an. Wenn man ein wenig vom Gitter zurücktrat, traute er sich etwas näher heranzukommen, aber immer sofort zur Flucht bereit.

Für mich war dieser Hund eigentlich nicht die erste Wahl, aber mein Göttergatte hatte sich schon bei dem ersten Inaugenschein in den Hund verguckt, trotz seines Verhaltens - und das war für mich so erstaunlich, denn eigentlich liebte mein Mann doch mehr die forschen, kernigen Typen. Ich versuchte, sein Blick noch auf den von mir favorisierten schwarzen Schäferhund zu lenken, aber Schatzi zog es zurück zu - damals noch: Bingo.

Da mein Mann unseren künftigen Hund die meiste Zeit "am Hals" haben würde, sollte er auch die Auswahl treffen. Das Tierheim Berlin gibt einen Hund zur Probe mit, sodass bei "unüberbrückbaren Differenzen" man den Hund wieder zurückgeben darf. Ein Versuch war Dingo wert, waren wir überein gekommen.

Als aber die Tierheimangestellten den Hund gar nicht aus seinem Zwinger herausbekamen, weil er wie irre immer wieder vor den zupackenden Händen flüchtete, hatte ich doch arge Bedenken, ob die Entscheidung richtig war. Mein Männe machte aber keinen Rückzieher, er wollte den Hund. Also haben die Tierpfleger eine Schlinge geholt und konnten damit Dingo aus dem Zwinger herausholen. Er übernahm die  Leine - und man glaube es nicht, aber Dingo ging mit ihm mit, als gäbe es kein Vertun, dass Bernd nun sein neues Herrchen ist. Und dabei blieb es dann auch.

Noch am selben Abend legt Dingo seinen Kopf mit vertrauensvollem Blick in seinen Schoß und von da an war er Bernd's Hund.


Dingo war ein Hund, der vor allem und jedem Angst hatte - besonders Menschen waren ihm ein äußerstes Gräuel. Es hat ein wenig gedauert, bis wir dahinter gekommen sind, dass ihn eben gerade die Menschen besonders stressen. Er reagierte sogar gestresst, wenn er menschliche Stimmen aus geöffneten Fenstern vernahm. Er hatte Angst vor flatternden Markisen, vor aufgespannten Regenschirmen, vor Menschen mit Stöcken, vor Inlineskatern, vor klappenden Autotüren, vor zufallenden Türen, vor lauten Knallgeräuschen jeglicher Art - eigentlich gab es fast nichts, vor dem er keine Angst hatte. Selbst wenn wir mit ihm im Wald waren, konnte ein einziges lautes Geräusch in weiter Ferne ihn in Angst und Schrecken versetzen.

Harte Arbeit, Geduld und Spucke  und über Jahre hinweg Gewöhnung haben ihm ein einigermaßen erträgliches Leben ermöglicht. Die enge Bindung an uns und besonders die Erziehung zur Straßensicherheit haben ihm enorm geholfen. Er läuft dadurch so gut wie nie an der Leine und hat so die Möglichkeit, ihm unangenehmen Begegnungen aus dem Weg zu gehen.

Früher hat er um ihm entgegenkommende Menschen einen so weiten Bogen gemacht, dass er am liebsten auf die andere Straßenseite gelaufen wäre (was er auch noch manchmal im Straßensicherheitstraining gemacht hat). Aber die ständige Übung, die Bordsteinkante niemals ohne Erlaubnis zu verlassen, hat ihm auch Sicherheit gegeben. Der Gehorsam steht für ihn - glücklicherweise - über der Angst; selbst wenn er in manch arg bedrohlicher Situation - z.B. ein lauter Knall - zunächst durch Flucht reagiert, lässt er sich jedoch sofort abrufen und kommt zurück.

Heute weicht er Menschen nicht mehr weiträumig aus; er mag zwar immer noch keine Menschenmassen, aber er reagiert auch nicht mehr durch Flucht. Gestresst ist er trotzdem noch, wenn er zu Menschenaufläufen mit muss, mal mehr, mal weniger.

Vielleicht glauben einige: Na, dann gehört der Hund aber nun wirklich nicht in die Stadt!



So hatten wir auch mal gedacht, dass er auf dem Land sicher glücklicher wäre. Aber dem ist nicht so. Denn je mehr der Geräuschpegel oder die Belastung durch Menschen abnimmt, umso empfindlicher reagiert er auf die wenigen Geräusche. Da kann ihn schon das Zuschlagen einer Stalltür in Panik versetzen, oder das laute Quietschen des Gartentors, oder der jährliche Besuch der Erbtante ....

Dingo ist jetzt sieben Jahre bei uns. Er hat seine Scheu vor fremden Menschen bis heute nicht abgelegt und läßt sich nur ungern von fremden Menschen anfassen. Wir tragen dem Rechnung, indem wir den Leuten leider immer eine Absage erteilen, wenn sie Dingo streicheln wollen, und das sind zum Leidwesen von Dingo nicht wenige. Er löst offenbar durch sein helles Fell, die schwarze dicke Nase und die großen schwarz umrandeten braunen Augen einen Streichelimpuls aus, den Menschen nur schwer bezähmen können. Besonders enttäuscht sind immer die Kinder - aber da geht mir das Befinden des Hundes vor. Auch Kinder müssen verzichten lernen.

Dingo ist aber auch schon viel gelassener geworden; früher hat er die Menschen angeknurrt und angebellt, wenn sie sich dann in ihrer Enttäuschung, ihn nicht streicheln zu dürfen, über ihn gebeugt, ihm tief in die Augen schauend, zugesäuselt haben: "Ich mag doch Hunde, warum willst du dich denn nicht von mir streicheln lassen?"

Heute schaut er einfach weg und tut so, als seien die gar nicht da. Nur bei ganz hartnäckigen Probanden, die ihm tatsächlich hinterherlaufen, um ihn - mutprobenartig - doch zu fassen zu bekommen, da knurrt er dann doch noch.

Dingo ist trotz seiner Ängste kein unsicherer Hund. Ganz im Gegenteil. Wir sind immer wieder fasziniert, mit wie wenig Aufwand er sich Respekt bei anderen Hunden verschafft.

Er ist trotz seines Alters noch verspielt, hat Freude daran, neue Dinge zu lernen und ist manchmal ein richtiger Scherzbold, der mich schmunzeln läßt. Man kann
das nicht beschreiben, das muss man sehen, wenn er in seiner Ausgelassenheit sich wie ein Jungspund benimmt.




 
Dingo hat leider Spondylose, leichte HD und Arthrose in allen Knie- und Fußgelenken. Das beeinträchtigt ihn natürlich erheblich. Wir haben den Jungen "vergoldet" in der Hoffnung, die Schmerzen zu lindern. Es hat für uns den Anschein, dass die Goldakupunktur auch erfolgreich ist.

Dingo rennt ( ist wohl mehr ein hoppeln), springt, schwimmt und wir bremsen ihn da auch nicht; er soll sich so bewegen, wie er es freiwillig möchte. Wenn er nicht mehr kann, zeigt er es von ganz alleine. Naja, manchmal läßt der Ehrgeiz, mit den anderen mithalten zu wollen, ihn wohl über seine Grenzen hinausgehen - aber auch da bremsen wir ihn nur bedingt. Seine Lebensfreude in diesen Momenten ist wichtiger. Der Tag danach verläuft dann eben etwas ruhiger.

Wir sehen das so: Der Rücken ist hin, die Knie- und Fußgelenke auch - die werden nicht besser sondern mit der Zeit mit Sicherheit noch schlechter. Solange es geht, soll er sich so bewegen, wie er es kann und will. Ihn nur noch im Schongang durchs Leben zu führen, würde  vielleicht den Bandscheibenvorfall oder die endgültige Lahmheit ein bis zwei Jahre hinauszögern, dafür hätte er aber im Gegenzug schon vier Jahre vorher wie ein gebrechlicher Methusalem leben müssen, ohne die Freude des Dahinflitzens mit den anderen.



 
 
Sicher verkneifen wir uns die ganzen Fun-Sportarten einschließlich längeres Bällchenwerfen. Aber ab und zu fliegt der Ball und er darf mitrennen.

Dingo hatte alle Voraussetzungen, ein Wanderpokal zu werden. Wir sind offiziell die Drittbesitzer. Dennoch möchte ich eine Lanze brechen für solche Hunde, bei denen  aufgrund schlechter Aufzuchtbedingungen und/oder schlechte Haltungsbedingungen Defizite vorhanden sind, die ihn fast "unbrauchbar" erscheinen lassen als Familienhund. Auch solche Hunde sind lernfähig und wenn vielleicht die Defizite nicht  völlig verschwinden, so können sie doch stark abgemildert werden, sodass man damit leben kann. 
 






 
 
Dingo mussten wir am 25.02.2010 sehr schweren Herzens einschläfern lassen. Er zeigte in den letzten Wochen, dass er offenbar Schmerzen beim Laufen hatte, denn er hoppelte so gut wie gar nicht hinter den anderen Beiden hinterher, und wenn doch, dann ein paar wenige Hüpfer. Er lief zwar noch wacker mit, aber doch mehr hinter uns, maximal neben uns, als voraus und man sah, dass sein Hinterteil eigentlich nur noch dazu da war, die Balance zu halten und er kaum noch Schub auf der Hinterhand hatte. Wir haben ihm dann nochmal Schmerztabletten angedeihen lassen, und wir dachten schon, damit könne er noch ein Weilchen mitlaufen, wenn auch nur noch kurze Runden. Aber leider haben die Bandscheiben nicht mehr mitgespielt und über Nacht war es vorbei - er konnte sein Hinterteil nicht mehr hochbringen und schleifte dies hinter sich her. Wir hatten noch mit dem Tierarzt erörtert, ob man versuchen sollte, die Bandscheibe(n) wieder zurückzudrücken - über entsprechende Spritzen -, als allerletzten Versuch, und haben uns nach der ersten Spritze dagegen entschieden. Dingo ging es gar nicht gut, das sah man an seinen Augen und was besonders traurig war, das war die Tatsache, dass er darunter litt, sich nicht mehr aufrecht stehend lösen zu können. Er  musste ja sozusagen im Sitzen pinkeln und Kot absetzen. Er versuchte tastächlich, den Urin anzuhalten und bemühte sich, den Überlauf aufzulecken.

Hinterher fragt man sich immer wieder, ob man nicht doch noch hätte sollen ....

Aber wir sind uns einig, dass wir den Zeitpunkt nur um wenige Monate oder gar nur  Wochen oder auch nur Tage hinausgezögert hätten, für uns, nicht für Dingo.

Für Bernd wartet Dingo in Anderwelt auf uns.

Unser Tierarzt hat das Fenster aufgemacht, damit seine Seele in die Freiheit gelangt.

Für mich wird Dingo wieder in den Kreislauf der Natur eingehen und durch diese über andere Lebenwesen in vielfacher Gestalt und vielleicht sogar irgendwann als Hund wiedergeboren werden.

Letztlich ist es egal, was ein jeder glaubt. Solange wir leben, wird Dingo bei uns sein.


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